Posted on August 11, 2012

Nora Ephron’s Book – Der Hals lügt nie

Movie & Books

 

“Wenn Sie zu einem plastischen Chirurgen gehen und zu ihm sagen: »Ich möchte, dass Sie nur meinen Hals in Ordnung bringen«, wird er Ihnen antworten, dass er das ohne ein Face-Lifting nicht
kann. Und das ist die Wahrheit. Er versucht nicht, Ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen, sondern es hängt einfach alles zusammen. Wenn Sie die Haut am Hals straffer machen, müssen Sie auch das Gesicht straffen.

Gelegentlich lese ich mal ein Buch übers Alter, und die Verfasser schreiben meistens, wie großartig es sei, alt zu sein. Es sei großartig, weise und abgeklärt zu sein; es sei großartig, an einem Punkt angelangt zu sein, wo man versteht, was im Leben
wirklich wichtig ist. Ich kann Leute, die so etwas behaupten, nicht ausstehen. Was denken sie sich dabei? Haben sie keine Hälse? Sind sie es nicht leid, sich ständig geschickt anzuziehen? Macht es ihnen nichts aus, neunzig Prozent der Kleidungsstücke, die sie normalerweise kaufen würden, wegen ihres Ausschnittes auszusortieren? Ich bedauere unendlich – sogar noch mehr, als die Wohnung auf der East Seventy-fifth Street nicht gekauft zu haben, mehr noch als meine schlimmste romantische Katastrophe –, dass ich in meiner Jugend nicht ständig liebevoll auf meinen Hals geblickt habe. Damals wäre mir nie in den Sinn gekommen, dankbar für ihn zu sein. Und ich hätte mir im Traum nicht vorstellen können, dass ich mich eines Tages nach dem früheren Zustand eines Körperteils sehnen würde, den ich für absolut selbstverständlich hielt.
Natürlich stimmt es, dass ich weise und abgeklärt bin, seit ich älter bin. Und es stimmt auch, dass ich verstehe, was im Leben wirklich wichtig ist. Aber wissen Sie was? Wirklich wichtig ist mein Hals.”

Interview mit Nora Ephron vom Februar 2007 aus der FAZ:

Natürlich guckt Ihnen jetzt jeder als Erstes auf den Hals. Bereuen Sie den Titel schon?

Nein, denn niemand kann meinen Hals sehen. Ich trage immer Rollkragen oder ein Tuch. Ich meine, viel Glück bei dem Versuch, einen Blick auf meinen Hals zu erhaschen, es wird nicht gelingen. Ich versuche natürlich selbst auch, den Anblick zu vermeiden.

Bekannt wurden Sie 1972 mit einem Artikel für „Esquire“, in dem Sie darüber schrieben, wie es ist, kleine Brüste zu haben. Was ist gut daran, seine Komplexe öffentlich zu machen?

Wenn man über sich selbst schreibt, hofft man natürlich immer, dass die Leute sich in einem wiedererkennen. Dass sie den Text lesen, an den richtigen Stellen lachen und insgesamt viel nicken. Und die Angst ist, dass sie es lesen und denken, ja, und warum erzählen Sie mir das? Mit dem Text über Brüste hatte ich Glück. Viele Leute fanden ihn lustig, und das hat mich wohl auf den Weg gebracht, auf dem ich heute noch bin. Übers Älterwerden habe ich geschrieben, weil ich nirgendwo etwas Wahres darüber gelesen habe. Überall stand nur, wie positiv und schön es ist. Das ist eine Lüge. Es ist nicht schön, alt zu sein. Es ist komplizierter und interessanter als das.

Sie sind 65, ist das heutzutage nicht eher mitteljung?

Na ja, wie viel älter kann man sein? Mir ist schon klar, dass ich nicht achtzig bin. Aber ich glaube, ab einem gewissen Alter kann man sich nichts mehr vormachen. Das meiste meines Lebens liegt hinter mir. Vielleicht habe ich noch zwanzig Jahre, aber es werden nicht solche zwanzig Jahre sein wie die letzten. Das weißt du schon in diesem Alter, wenn du nicht ein vollkommener Idiot bist. Du weißt, dass du nicht mehr so unbeschwert reisen wirst oder Marathon rennen, all diese Sachen. So fit du auch sein magst, du bist einfach physisch nicht mehr in der Lage. Also glaube ich, dass ich alt bin? Ja, das tue ich. Ich glaube, dass ich alt bin und dass ich sterblich bin. Man wird sechzig, Freunde werden krank, und du wirst krank, du musst dich damit abfinden, dass du nicht ewig leben wirst. Also, ja.

Sie schreiben über den Tod Ihrer besten Freundin und wie das Leben danach trotzdem weitergeht. Sehr schnell kommen Sie zu einem Badeöl von Dr. Hauschka, das Sie seither benutzen, als gäbe es kein Morgen mehr. Ist das typisch für Sie – vom Philosophischen auf das Alltägliche zu kommen?

Ich glaube, typisch für mich ist es, die Antworten nicht genau zu kennen, aber ein bisschen etwas über die Fragen zu wissen. Und eine der größten Fragen ist: Was ist mit Kohlenhydraten? Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat, soll man dann Diät halten, um gesund zu bleiben, oder soll man dieses ganze köstliche Brot essen? Denn wenn du morgen von einem Bus überfahren wirst, wirst du dich wie ein kompletter Idiot fühlen, dass du nicht dieses ganze gute Brot gegessen hast.

Sie haben in den achtziger Jahren einen Schlüsselroman über das Ende Ihrer zweiten Ehe geschrieben. Ihr Exmann, Carl Bernstein, einer der beiden Watergate-Journalisten, hatte Sie betrogen, als Sie hochschwanger waren. Als das Buch verfilmt wurde, wurden Sie von Meryl Streep gespielt. Wie hat sich das angefühlt?

Sie war viel besser, als ich es je sein könnte. Ich habe sie danach bei verschiedenen Gelegenheiten gefragt, ob Sie meinen Part nicht wieder übernehmen könnte, aber sie scheint zufrieden damit, Meryl Streep zu sein.

Glauben Sie an Rache?

Nein. Ich habe einfach nur getan, was ich gelernt habe. Aus einer Limone Limonade zu machen, aus etwas Schlimmem einen Witz. Das habe ich von meinen Eltern gelernt.

Sie waren beide Drehbuchschreiber. „There’s no business like show business“ ist von ihnen.

Sie haben mir beigebracht, dass das Leben das Rohmaterial ist, aber noch nicht die letzte Fassung. Und es ist dein Job, aus dem Rohmaterial etwas zu machen, das die Leute zum Lachen bringt. Nicht etwas, das Leute Mitleid mit dir haben lässt. Das hat meine Eltern überhaupt nicht interessiert. Wenn mir etwas Schlimmes passiert war und ich damit zu meiner Mutter lief, war ihr das wirklich vollkommen egal. Sie war gelangweilt, es hat sie nicht interessiert. Komm wieder, wenn es eine gute Geschichte ist, sagte sie.

Das leere Nest sei unterschätzt, schreiben Sie. Wenn die Kinder aus dem Haus seien, würde man merken, dass sie die Einzigen waren, die wussten, wie die Fernbedienung funktioniert. Das ist aus einem Kapitel über Erkenntnisse, die Sie gerne früher im Leben gehabt hätten. Können wir ein paar durchgehen? Was meinen Sie damit: „People have only one way to be?“ Glauben Sie, Menschen ändern sich?

Man hofft es doch, nein? Ich glaube, Menschen können sich ein kleines bisschen ändern, wenn sie in ihren Zwanzigern und Dreißigern sind. Kleinigkeiten. Sie können lernen, wie man die richtige Gabel benutzt, solche Sachen. Aber wenn jemand ein hoffnungsloser Narziss ist – vergessen Sie’s. Sie werden das nicht repariert bekommen. Wenn einer immer fremdgeht – vergessen Sie’s. Er wird sich nicht ändern. Wenn einer keinen Sinn für Humor hat? Kann man nicht ändern. Der Mensch ist ziemlich so, wie er ist, und so ist das halt.

Eine andere Erkenntnis: „Kaufen – nicht mieten!“

Ja, das ist wirklich eine der blödesten Sachen, ich komme nicht darüber hinweg, wie dumm ich war, was das betrifft. Ich habe nicht verstanden, dass man, wenn man ein Haus für 400000 Dollar kauft, diese 400000 Dollar noch hat, nachdem man das Haus gekauft hat. Ich dachte, das Geld sei dann weg. Aber tatsächlich hat man das Haus, man kann es jederzeit verkaufen, vielleicht sogar für mehr. Hätte ich das früher verstanden, würden mir heute weite Teile New Yorks gehören.

„Heiraten Sie nie einen Mann, von dem Sie nicht gerne geschieden wären.“

Das ist der brillanteste Satz meiner Schwester, ich habe ihn von ihr geklaut. Ich halte es für den weisesten Rat, der jemals gegeben wurde, leider gab sie ihn mir zu spät.

„Bedecken Sie eine Couch nie mit etwas, das nicht mehr oder weniger beige ist.“

Man wird sich eines Tages sehr wundern, was man mit einer lila Couch bezweckte. Das ist unausweichlich.

„Geben Sie zu viel Trinkgeld.“

Das habe ich von meinem Mann. Wenn man immer nur ein bisschen mehr gibt, als man muss, kostet einen das aufs Jahr gerechnet nicht irrsinnig viel, aber man wird immer einen guten Tisch bekommen. Ein sehr guter Tipp.

„Alles, was einem mit 35 an seinem Körper nicht gefiel, wird einen mit 45 nostalgisch stimmen.“

Ich habe vor kurzem ein Foto von mir gesehen, auf dem ich 27 Jahre bin und einen Bikini trage. Ich sah phantastisch aus. Aber wenn Sie mich damals gefragt hätten, hätte ich gesagt, meine Brüste sind zu klein, dies stimmt nicht, das stimmt nicht. Dabei sah ich aus wie Cameron Diaz! Kein Witz. Ich sah unglaublich aus. Und ich fühle mich wie ein Idiot, dass ich das damals nicht gesehen habe. Warum bin ich nicht die ganze erste Hälfte meines Lebens halbnackt herumgelaufen?

Eine weitere Erkenntnis aus Ihrem Buch ist, dass Haarefärben wahrscheinlich genauso viel für Frauen getan hat wie die Emanzipation.

Ich habe nicht viele brillante Einsichten – dies ist eine, auch wenn sie trivial ist. Gefärbte Haare sind der Grund, warum Fünfzig das neue Vierzig ist und Sechzig das neue Fünfzig und so weiter. Sehen Sie sich um, man sieht keine alten Frauen mehr. Und wer da auf mich einen großen Einfluss hatte, war Barbara Bush. Sie war so ein perfektes Beispiel dafür, was passiert, wenn man graue Haare kriegt. Sie sah aus wie die Mutter ihres eigenen Ehemanns.

Sie haben Politikwissenschaften studiert und waren Praktikantin im Weißen Haus, als John F. Kennedy Präsident war. Wie war das?

Niederschmetternd. Ich war die einzige Praktikantin, die John F. Kennedy nicht angemacht hat. Er hat es nicht mal versucht. Können wir von etwas anderem reden?

Ein Kapitel im Buch handelt von Bill Clinton. „Me and Bill: The End of Love“, es ist ein ziemlich trauriges Kapitel.

Ich glaube, wenn er sich nicht mit Monica Lewinsky eingelassen hätte, wäre George Bush jetzt nicht Präsident. Und wenn Bush nicht Präsident wäre, wären Tausende, die jetzt tot sind, noch am Leben. Was aussieht wie ein persönlicher Lapsus, eine schlechte Angewohnheit, eine Schwäche, er flirtet halt gern mit jungen Frauen, ist etwas, für das viele Menschen einen hohen Preis zahlen, wenn du der Präsident der Vereinigten Staaten bist. Ich vergebe ihm das nicht. Er hat mir wirklich das Herz gebrochen, denn er hätte ein toller Präsident sein können. Er ist so klug, ein brillanter Führer, ein phantastischer Redner, es bricht einem das Herz. Ich sage das, aber was sollen erst die Leute sagen, deren Kinder in diesem Krieg gestorben sind.

Was halten Sie von Hillary?

Mein Kummer mit Hillary ist, dass sie so umsichtig ist. Sie steht für nichts, außer dafür, eine Haltung zu finden, mit der jeder irgendwie einverstanden ist. Das ist dumm. Aber ich werde ihr trotzdem gerne Geld geben, wenn sie nominiert wird. Wir müssen die Republikaner aus dem Weißen Haus kriegen. Das ist ein Desaster. Eine schlechtere Gruppe Menschen an der Macht ist nicht vorstellbar.

Noch mal zurück zum Älterwerden. Gibt es nicht irgendetwas, das gut daran ist?

Nicht viel.

Man wird doch aber weiser, oder nicht?

Man wird weiser, ja, aber man vergisst ja das meiste. Du weißt ziemlich viel, aber du kannst dich nicht erinnern. Du kennst dich mit Reisen aus, aber du kannst nicht mehr so gut laufen. Alles kommt mit einem Andererseits. Du bist sterblich. Wenn du das begreifst, wenn du dich bei allem fragst, ist es das, was ich heute tun will, sind das die Leute, mit denen ich den Abend verbringen will, ist das das beste mögliche erste Essen nach meiner Diät, das mir einfällt – wenn ich nur noch x Sommer in meinem Leben vor mir habe, wo will ich sie verbringen – all das ist gut, wenn man sein Leben danach ausrichtet. Und das bringt uns zurück zu diesem wirklich ganz hervorragenden Badeöl von Doktor Hauschka.

Das Interview führte Johanna Adorján.

Nora Ephron (May 19, 1941 – June 26, 2012)

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